Good By My Love

Ihr Lieben Fiffi Feger,                                                                                      Nur-Sultan, Juli 2020

 

es sind schwierige Zeiten! Ich kämpfe mit Emotionen, die mich wie eine gefährliche Unterströmung im Meer von den Füßen holen will und gleichzeitig rauscht die Gefahr einer Corona Infektion wie eine Tsunami Welle auf uns zu. Sicherlich geht es euch ähnlich, doch das Wissen, wie es hier in Kasachstan um die medizinische Versorgung steht, lässt den Boden unter meinen Füßen auch noch wie Treibsand erscheinen. Und wie es derzeit mit dem Flugverkehr aussieht, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Manche Medikamente sind nicht mehr vorrätig und ich habe mittlerweile 222 Schnutenpullis genäht (and counting), weil es nirgendwo welche zu kaufen gab. Zum Glück hatte ich mich (Vorsehung!!! Spuki!!!) noch in Vietnam mit einem ganzen Schwung eingedeckt. Wenigstens kommt so über den Verkauf (Materialpreis) ein wenig Geld für unsere Tierheime rein. Alte Oberhemden und ungenutzte Bettlaken wurden mittlerweile schon komplett verarbeitet. Meine kleine Nähmaschine gab alles - bis sie aufgab und ich erst einmal jemanden auftreiben musste, der sie wieder flott machen konnte. Ist ihm allerdings nur mäßig gelungen und so bekam ich die HighTech Maschine einer Bekannten aus der US Botschaft als Leihgabe. Ich hatte erst so meine Bedenken, doch – YouTube sei Dank- bin ich mittlerweile so firm, dass ich einen Höhenflug bekam und meine Knastzeit nun dazu nutze, mich an das Nähen einer Bluse zu wagen und sogar Knöpflöcher hinbekommen habe!

Ja, für solche Dinge braucht man Zeit und es darf einem keiner im Nacken stehen und drängeln. Und wie sehr vermissen wir genau dieses schweigsame Drängeln nun! Filou, unserer treuer Weggefährte seit 14 Jahren, ist seit dem 20. Mai nicht mehr bei uns. Mein Schatten, mein Co-Trainer, mein Gesellschafter, mein Therapeut, mein Resteverwerter, mein in-den-Hintern-Treter, mein Nörgler… mein Ein und Alles…weg! Ich habe (noch) einen Schutzwall um mich herum, der durch meinen Verstand aufrechterhalten wird. Denn er wurde 14 Jahre, hatte ein gutes Leben im Schlaraffenland, soziale Kontakte, alte Kumpels. Und irgendwann ist die Batterie nun einmal leer und seine Hinterläufe fingen schon an, ihm nicht mehr zu gehorchen. Innerhalb nur einer Nacht war uns die Entscheidung abgenommen worden und ich musste ihn am darauffolgenden Morgen zum Auto tragen, während Willi mir die Türen öffnete. „Unser Tierarzt“ war glücklicherweise da und alle notwendigen Medikamente vorhanden. Ohne ihn fuhren wir wieder heim.

Nun steht seine Asche auf dem Sims und soll mit uns ein letztes Mal nach Deutschland fliegen und mit seinem Kumpel Cashu, der nur 3 Wochen zuvor gestorben war, vereint werden. Irgendwie macht das dann einen runden Abschluss. (Wahrscheinlich typisch menschliches Denken!)

Willi staunt, wie easy ich das verkrafte, wo er doch mehr Zeit mit mir zugebracht hat als er selbst. Ich weiß es nicht, vielleicht hat mich die Arbeit an der Tierschutzfront in Vietnam abgehärtet. Vielleicht ist es auch die Erleichterung, dass es nicht so schlimm gekommen ist, wie es sich mein zum Drama neigendes Unterbewusstsein ausgemalt hatte. Meine Schultern sind auch leichter geworden. Ich muss mir keine Sorgen mehr machen, was wir mit unserem Opi machen, falls es doch zu einer überstürzten Evakuierung kommt. Denn mitfliegen hätte er nicht können. Selbstverständlich wäre ich mit ihm hier geblieben, denn als Partner kann mir Willis Arbeitgeber das Ausfliegen nur anbieten, nicht jedoch vorschreiben – im Gegensatz zum Arbeitnehmer selbst. Aber was, wenn es mich dann selbst erwischt hätte? Das Risiko ist hier leider um ein Vielfaches höher; viele Kasachen nehmen es scheinbar nicht so ernst und bringen damit alle in Gefahr. Und auch mich selbst habe ich schon ab und an erwischt, dass ich mich nicht 100%ig an die Vorkehrungen gehalten habe. Was, wenn es dem Kumpel so schlecht geht, dass du sein Leid beenden möchtest, aber die Medikamente nicht da sind. Horrorbilder im Kopf, die immer wieder wie eine böse Überraschung hinter der Tür hervorspringen.

Bei der ersten Welle (keine Ahnung, die wievielte Welle wir hier haben oder ob es immer noch die erste ist (die Informationspolitik ist nicht mit D. vergleichbar – um es mal sachte auszudrücken) wurden alle Parks komplett geschlossen, Dreier-Polizei-Patroullien gingen vor dem Gebäudekomplex auf und ab und alle paar Meter wurde man nach Hause geschickt. So durfte Filou nur noch an die nächste Hecke pinkeln und mich packte ein echter Lagerkoller! Der Entzug der einzigen erreichbaren Grünfläche inmitten dieser Betonbunker lies mich fühlen wie eine Ratte in der Skinner Box. Kann mich jetzt noch besser in einen Hund hineinversetzen, der einen wunderschönen Garten hat, aber dort jeden Grashalm kennt und verzweifelt nach neuen Eindrücken giert! Und das, obwohl ich mich wirklich gut beschäftigen kann. Raffte mich sogar auf meinen Trotzkopf soweit zu überwinden, dass ich auf Russisch sagen konnte: „1 km, 30 Minuten, dann nach Hause gehen!“ damit ich mir die „Tschakos“ wenigstens etwas vom Hals halten konnte. Die standen nämlich bei der Anfahrt mit den Mannschaftsbussen auch eng im Pulk beieinander, um das Virus auch optimal verteilen zu können!

Die Botschaft wurde auch auf zwei Mannschaften aufgeteilt, die dann im Wechsel arbeiteten, um wenigstens eine Notbetrieb aufrecht erhalten zu können. So hatte ich wenigstens einen Menschen um mich herum, musste dafür aber ständig kochen. Das ist fast genauso schlimm, wie Vokabeln lernen! Alles hat halt seinen Preis! ;-)

Die einzige Abwechslung stellte der Einkauf im Supermarkt dar, den wir alle 14 Tage machten. Und selbst da langten einem die Kasachen noch vor dem Körper ins Regal, weil Warten und sich Anstellen nun mal gar nicht in die hiesigen Köpfe will. Mundschutz oftmals Fehlanzeige, also aus Sicherheitsgründen jedes weitere Einatmen vermeiden und aus dem Dunstkreis heraustreten. Wenn die natürliche Auslese und Ausdünnung der parasitären menschlichen Besiedelung dieses Planeten doch wenigstens die hirnlosen Kandidaten treffen würde… 
So bleibt einem wirklich nur das Risiko so weit als möglich zu minimieren, indem man zu Hause bleibt. Also wie ein langer kasachischer Winter auch im Sommer!!  Ich achte seitdem penibel auf einen ausreichenden Bailey´s Vorrat, damit ich mir den Rest schön trinken kann!

Zum Glück beschränken sie sich derzeit auf einen sogenannten „Soft Lockdown“ und schließen nun nur noch die Shoppingmalls (die mich eh nicht interessieren), lassen die Parks aber offen. Ein Covid-19 Betretungsverbotsschild ist kurz vor der Wiedereröffnung des Parks merkwürdigerweise abhanden gekommen. Vielleicht ist es irgendwann ein Souvenir an üble Zeiten, die man hoffentlich gut überstanden hat.
So bin ich mit den Hunden also wieder früh morgens vor dem Dienstbeginn der Patroullien spazieren gewesen, denn der Parkabschnitt direkt vor unserem Haus ist schließlich immer noch für Hunde untersagt. Allerdings gehören die Kasachen nicht zur Gattung der Frühaufsteher und die Schar der Picknicker und Spaziergänger kommt erst im Verlauf des Nachmittags eingewandert. Hunde übrigens im Plural, weil Filou und ich dreimal die Woche noch einen Hund in Tagesbetreuung bekommen haben. Die junge Madam, Mascha ihr Name, gehört einem Kollegen hier aus dem Haus, dessen Frau nach Deutschland musste. So hatte ich nachdem Filou gegangen war wenigstens noch einen Seelentröster um mich herum, da auch Willi wieder im Büro erscheinen musste. Mit ihr erreiche ich auch den Teil des Parks, der für Hunde offiziell erlaubt ist. Allerdings nur per Rad. Aber das hatte zum Glück auf Anhieb geklappt und so trafen wir uns dort mit zwei anderen MAPs (Mitausreisende Partner – mein Berufsstand sozusagen) und ich bekomme meine wöchentliche Ration Hundeliebe.

Seit gestern ist Maschas Mama wieder zurück, aber zum Glück ist nun die andere Mama in den USA, sodass ich mit der anderen Kollegin ihre beiden Hunde ausführe. Die restliche Zeit, nähe ich weiter, höre Hörbücher, koche Kirschmarmelade und schaue Netflix leer, sortiere Fotos oder schreibe Rundbriefe.

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