Die Alten on Tour

Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, so lange habe ich schon nichts mehr berichtet…Aber besser spät als nie, oder?

Weihnachten – ja, das ist wohl die Zeit, in der man üblicherweise schreibt…Grußkarten und so.  Da es hier aber weder schneit noch kalt ist und es weder Tannenbäume noch Glühwein zu kaufen gibt, ist mir das ein wenig durchgeflutscht. Danke an alle, die da vorbildlicher waren und an uns Schwitzenden gedacht haben.

Besuch hatten wir aus der Heimat. Meine Freundin Petra kam schon im November aus dem kalten Berlin nach Ho-Chi-Minh Stadt. Sie ist Homäopathin für Tiere und hat unsere hiesigen Fiffis gleich mal unter die Lupe genommen. Good old Rich bekam dadurch noch einmal richtig Aufwind und seine wackeligen Beine liefen fast schneller als sein Körper Balance halten konnte. Aber nun holten ihn seine 14 Jahre wieder ein und es halfen auch die besten Heilmittel nicht mehr. Immerhin musste er keinen Hunger mehr leiden und behält Menschen hoffentlich auch in guter Erinnerung.

Um Petra auch ein wenig von Vietnam zu zeigen, entschlossen wir uns einen Kurzurlaub auf Phu Quoc zu buchen. Nicht gerade billig, aber soooooo schön. Um uns herum keine Baustellen, einfach nur Meeresrauschen und der Wind, der die Palmen kämmt. An einem dieser schönen Tage mieteten wir uns zwei Motorräder und gingen auf Inselerkundung. 

Wir fuhren die westliche Küste hinauf bis an den nördlichsten Zipfel und wollten dann an der östlichen Seite wieder hinunterfahren. Taten wir auch. Leider hörte nur die asphaltierte Straße irgendwann auf und verwandelte sich in eine rote, teilweise stark ausgefahrene Modderpiste. Da man uns an einer Baustelle jedoch versichert hatte, dass es in zwei Kilometern wieder asphaltiert weiter gehen würde, fuhren wir weiter. Nur leider kam der immer heißer ersehnte feste Straßenbelag weder nach zwei, noch nach 20 Kilometern (!) in Sicht. Da wir auch nicht wussten, wie viel noch vor uns lag, kämpften wir uns teilweise im Schneckentempo durch die rote Schmierseife. An einer Stelle konnten meine ehemals blauen Sportschuhe keinen festen Grund mehr finden und die Maschine glitt im Zeitlupentempo von der Vertikalen in die Horizontale! Petra und ich sahen aus wie halbseitig bemalte Aborigines!!! Danach beschloss sie, dass sie auf zwei Füßen sicherer über diese Partien kommen würde und hüpfte wie ein Spatz von einem Pfützenrand zum nächsten, während ich mit mehr oder weniger elegantem Hüftbewegungen versuchte die Kiste auszubalancieren!

Irgendwann, als ich meine Arme schon nicht mehr spürte und wir gefühlte Tage durch das dünn besiedelte Grün gegurkt waren, tauchte sie vor uns auf. Unermessliche Erleichterung machte sich breit, denn der Himmel begann sich schon zu verdunkeln. Ich bezweifle, dass uns ein Taxi jemals dort gefunden hätte, geschweige denn in dieses Schlammparadies gefahren wäre, um uns zu retten!

Wir gaben die Maschinen bei der entsetzt dreinblickenden Vermieterin wieder ab, die wir mit etwas Bonusgeld wieder zum Lächeln bringen konnten und ließen uns in die auf der Strandwiese  (vom aufmerksamen Hotelpersonal zügig mit einem Handtuch geschützten)  Beanbags  fallen, um von hier aus mit einem Cocktail in der Hand den Sonnenuntergang doppelt zu genießen. Ende gut – alles gut!

Geht bei euch der Weihnachts- und Silvesterrummel zu Ende fängt er bei uns hier an. Das chinesische Neujahrsfest Tet richtet sich nach dem Mondkalender und wird meist Mitte/ Ende Februar gefeiert. Es ist wie Thanksgiving, Weihnachten und Neujahr in einem. Familien kommen zusammen, man tauscht rot goldene Geldumschläge aus, die mit dem Tier des neuen Jahres bedruckt sind (dieses Mal ist es der Hahn) und genießt eine Woche ohne Arbeit. Wir Verlassenen hoffen dann auf ein paar geöffnete Restaurants und genießen die merkbar bessere Luft (keine Fabriken und kaum Verkehr) und die herrliche Ruhe. Mich erinnert diese Stimmung an den ersten Schnee zuhause. Alles ist so friedlich und fasziniert und mit Vorfreude erfüllt.

Nur leider hält dieser Zustand nicht lange an und die Sehnsucht nach Ruhe wird (wohl auch wegen des zunehmenden Alters) immer größer. Heute sind wir hier von drei Baustellen umringt, die zum Teil auch die ganze Nacht mit schwerem Gerät durcharbeiten. Besonders an den Wochenenden wird der Go-Card Fun Park, durch den wir lediglich durch die Straßenbreite und eine Wellblechmauer getrennt sind, zur Belastungsprobe. Und als I-Tüpfelchen fängt der Gärtner der Nachbarn um 7:30 am Morgen an mit dem Rasentrimmer alles abzusäbeln was seinem stinkenden Knatterkasten zu nahe kommt. Auch das ist mit dem Auslandszuschlag abgegolten!

Im Februar trudelten dann unsere Weltenbummler ein. Maria, die Tochter von Willis Cousin war mit ihrem Freund Pattern über Neuseeland und Australien für einige wenige Tage bei uns gelandet, um noch ein wenig zu chillen, bevor es wieder in die harte Arbeitswelt zurückgehen sollte. Sie klapperten die üblichen Sehenswürdigkeiten (glücklicherweise alleine) ab und genossen den Pool. An einem Abend ließen wir uns von Einheimischen das nächtliche Saigon zeigen und entdeckten viele versteckte Märkte und Geheimtipps. Allerdings waren wir Alten dann auch froh, nach 3 ½ Stunden den zweirädrige Untersatz auch wieder verlassen zu dürfen!

Anfang März begannen wir dann unsere „Vietnam“ Tournee, denn das letzte Jahr ist fast angebrochen und es gibt noch so viel zu erkunden. (Nein, man weiß noch nicht wo es hingehen wird.) Urlaub ist auch noch genug zur Verfügung, nur wann nehmen, wenn man ständig kranke oder abwesende Kollegen vertreten muss…

Die Reise nach Dalat war so auch eine Dienstreise mit einer Wochenendverlängerung. Es galt eine Schule für gehörgeschädigte Kinder zu besuchen. Dort wurden Bildschirme für einige Klassenräume finanziert. Es handelt sich hierbei um ein so genanntes “Kleinstprojekt“ und ziemlich regelmäßig wird auch kontrolliert, ob das beantragte Geld seiner Bestimmung zugeführt wurde.

So wurden wir von drei Damen direkt am Flughafen in Empfang genommen und ich bekam sogleich ein Blumenbouquet überreicht. Dalat ist nämlich berühmt für seine Üppigkeit an Blumen, Obst und Gemüse. Es ist in Mittelvietnam gelegen und schon recht hügelig. Da es deutlich kühler ist als Saigon, diente es in den 30igern den Franzosen als Sommerresidenz. Leider sind zahlreiche grüne Hänge durch den Anbau jedoch mit Planen überzogen.

Aber zurück zur Schule…in dem bereitstehenden Kleinbus saß bereits ein pensioniertes deutsches Ehepaar. Sie ehemalige Schulleiterin für Schwerstbehinderte und er Hörgeräteakustiker einer Schweizer Firma. Als die beiden von einer Stiftung gefragt wurden, ob sie dieser Schule mit ihrem Wissen zur Seite stehen könnten, willigten sie sofort ein und begleiten diese Kinder nun schon im 5. Jahr. Viele Verbesserungen wurden erreicht, aber vieles gilt es noch anzugehen. Man zeigte uns die Schule in allen Einzelheiten und konnte spüren mit wie viel Herzblut alle mit ihr verwurzelt sind. Als wir ins Untergeschoss gingen wurden wir von dem Ehepaar bereits vorgewarnt, dass die Zustände in den Unterkünften der Kinder noch ziemlich schlimm wären. Die meisten der Kinder wohnen nämlich auch dort, weil der Weg nach Hause oft viel zu weit und das Geld natürlich immer knapp ist. Manche von den Krümelchen sehen ihre Eltern nur einmal im Jahr, was natürlich ziemlich hart für sie ist. Es war aber auch schön zu sehen, wie die Größeren die Lütten unter ihre Fittiche genommen haben und die Lehrkräfte damit so gut wie möglich entlasteten. Ein miteinander halt! Und ja, die Unterkünfte waren Sardinendosen ähnliche Bettenansammlungen mit teilweise zerrissenen Auflagen. Ähnlich wohl, wie viele Flüchtlingsunterkünfte. Privatsphäre auch hier gleich null, was besonders für die älteren Teenager hart sein muss. Das Schlimmste aber, so übersetzte uns die in Deutschland studierende Uyen, wären die kalten Nächte in den unzureichenden Decken. Selbst das aneinander kuscheln würde den kalten Füßchen nicht helfen und irgendwann müsste der eine Pullover ja auch mal gewaschen werden…So verabredete ich also mit ihr, dass ich versuchen würde privat Geld zu sammeln, denn die Deutschen Behörden mahlen bekanntlich langsam und ich konnte den Gedanken an frierende Kinderfüßchen einfach nicht ertragen. Mittlerweile ist das Geld zusammen und die Kinder haben ihre Steppdecken erhalten und können nun zumindest warm von Zuhause träumen…

Am Samstag lud uns ein Franzose ein seine Kaffeeplantage zu besuchen. Die Deutsche Schule hier in Saigon startete im vergangenen Jahr ein Projekt mit ihm, denn seine Plantage wird gänzlich ohne Pestizide gehalten und passt somit hervorragend in den Biologieunterricht. Aber er passt auch super in den Geschichtsunterricht, denn seinem Urgroßvater gehörte (wie eindeutig Fotos in seinem hübsch hergerichteten Showroom belegen) in der Kolonialzeit eben dieses Stück Land, fiel dann nach verlorenem Krieg an Vietnam zurück und wurde nun erneut von dem Urenkel erworben.

Es war ein wunderschöner Ausflug in einen fast europäisch anmutenden Nadelwald, die Luft so frisch und rein, dass meine Lungen gerne doppelte Kapazität gehabt hätten, um für später ein wenig einzupacken. Nach einem 10 min Spaziergang erreichten wir die Plantage. Eigentlich konnte ich sie erst riechen, denn der Kaffeeduft mischte sich mit Wald/Dschungel-Duft. Die Pflanzen selbst waren noch recht klein und verloren sich im Grün, denn zwischen dem Kaffee durften auch andere Pflanzen wachsen, die somit zum bestmöglichen Schädlingsschutz beitrugen. Ach, am liebsten hätte ich hier meine Hängematte aufgebammelt und mich einfach mal hängen lassen…Aber nun musste der Kaffe natürlich auch gekostet werden und wir verließen (schweren Herzens) dieses wunderschöne Fleckchen Natur wieder. Doch weiter unten im Tal wurden wir an einem ebenso idyllischen See gesetzt, wo wir nun in Minitassen den Superduperhigh Quality Kaffee kredenzt bekamen. Natürlich habe ich verzückt dreingeschaut und ebenso verzückte Laute von mir gegeben, aber wahrscheinlich bin ich einfach nicht Gourmet genug, als dass ich einen Unterschied zu meinem Ruckzuckbrühaufkaffee geschmeckt hätte. Aber egal, es ist einfach eine der schönen Seiten an Willis Beruf, immer wieder einmal die Gelegenheit zu haben, neue Menschen mit ausgefallen Ideen oder besonderem Idealismus kennen zu lernen.

Ende März ging es gleich weiter mit der Reisetätigkeit. Wir flogen nach Hanoi, wurden dort vom unserem privaten Reiseführer abgeholt. Er zeigte uns den Ninh Binh District, die so genannte „trockene“ Ha Long Bay. Liegt etwa  3-4 Autostunden von der Küste entfernt, ein Stück südlicher. Auch diese einzigartige Landschaft mit ihren aus der Erde herausragenden weißen Gesteinsbuckeln kann man auf der großen Leinwand  wieder finden. Hier wurde der neue King Kong Film gedreht. Und wirklich konnte man sich vorstellen, dass er dort jeden Moment aus den von Nebel umhüllten, grünen Felshügeln auftauchen könnte. Dann schlossen wir uns dem Strom der Touristen an, wurden in eines der vielen, lang gezogenen Ruderboot platziert. Alle Boote wurden von mit dem typischen Nón lá behüteten Frauen geschickt durch die Flussarme manövriert. Man konnte die Landschaft ganz in Ruhe auf sich wirken lassen. Wirklich wunderschön! Hier in Vietnam wird übrigens genau entgegen gesetzt gerudert, heißt der Ruderer schaut in Fahrtrichtung und drückt die Paddel von seinem Körper weg. Als wir dann in einen solchen Felsbrocken wahrhaftig hinein fuhren, wurde mir klar, dass es anders auch gar nicht gegangen wäre. Etliche Felsvorsprünge kamen unseren Köpfen gefährlich nahe und ich hätte am liebsten meinen Motorradhelm dabei gehabt. Oft konnten wir uns nur noch in letzter Sekunde wegducken, denn natürlich war auch das Licht nur sehr spärlich in diesen Höhlen. Durch den Regen war der Wasserstand extrem hoch und wir hatten Glück, dass diese Tour überhaupt noch angeboten wurde. Wie durch ein Wunder, hatte es keine Verluste gegeben und wurde zu einem eindrucksvollen Erlebnis, dass ich sicherlich nie vergessen werde.

Von dort aus ging es dann weiter zur Ha Long Bay und auf einen kleinen Cruiser, in dem wir eine kleine Kabine mit einem eigenen kleinen Bad hatten. Genau auf Wasserspiegelhöhe. Hatte noch nie so eine tolle Aussicht vom Klo!!! Am Abend ankerten wir gemeinsam mit anderen Schiffen geschützt zwischen den Gesteinshügeln und ihre Lichter spiegelten sich in der Nacht auf dem Wasser wieder. Mehr Romantik geht nicht! Nur leider war es ziemlich frisch, denn der Himmel war bedeckt und statt Sonne umhüllte auch hier der Dunst die Umrisse der Gesteinsformationen. Es hatte dadurch etwas Mystisches an sich! Die Temperaturen waren nur ein kleiner Wehmutstropfen, der mich jedoch nicht davon abhielt mit einigen wenigen anderen Verrückten vom Boot aus schwimmen zu gehen. So eine Gelegenheit hat man vermutlich nur einmal im Leben!
Nach dieser wundervollen Zeit in dieser einmal schönen Natur Vietnams fiel es mir sehr schwer wieder in die große, volle, laute, hektische Stadt zurück zu kehren.

Doch wir bekamen Ablenkung. Bekannte aus Potsdamm besuchten uns zum zweiten Mal für ein paar Tage und gleich darauf lernten wir endlich Kalinas neuen Freund Frank kennen. Bisher kannten wir uns nur von Fotos und Skype. Wir fuhren mit ihnen nach Vung Tau an die Küste und auch sie machten eine Mopedtour durch das nächtliche Saigon, statt Schokoladenosterei sozusagen. Wir schonten unsere Rücken dieses Mal!

Die knapp 20 Tage waren nur all zu schnell rum und schon kehrte der Alltag wieder ein. Willi hatte alle Hände voll zu tun ein Deutschlandfest im hiesigen Zoo zu organisieren. Die Organisation war schwierig, da es galt viele Teilnehmer zu gewinnen, ihre unterschiedlichen Wünsche unter einen Hut mit den finanziellen Vorgaben zu bringen und die vietnamesischen Behörden dazu zu bewegen die Veranstaltung VOR dem Termin zu genehmigen. Außerdem gab es nur eine grobe Schätzung wie viele Menschen überhaupt kommen würden. Aber alles lief gut ab und alle waren sehr zufrieden…und Willi glücklich es endlich hinter sich zu haben!  

Zum Glück hatten wir noch eine Tour in petto! Hue, die Stadt der Kaiser in Mittelvietnam. Auch hier wurden wir wieder einmal mit Regen begrüßt und ich stellte mich schon seelisch auf eine gemütliche Hotelzimmergammelzeit ein, doch nix da. Der nächste Tag war deutlich trockener und wir besuchten natürlich die Zitadelle und andere geschichtliche Sehenswürdigkeiten, ließen uns mit der Rikscha befördern und schipperten auch hier mit einem Bötchen den Parfüm Fluss entlang. Doch unsere Mopedtouren sind mir noch am liebsten: durch die Lande streifen, Land und Leute sehen und einfach mal schauen was so kommt.  So konnten wir auch einmal sehen, wo denn eigentlich unsere Mitarbeiter herkommen, denn sowohl unser Wächter Mr Liem als auch Luc und Thuy kommen aus Hue. Ich kann gut verstehen, wenn sie Heimweh haben!

Tja, und nun heißt es durchhalten bis zum Sommerurlaub, der Anfang August geplant ist. Bis dahin wird es noch eine taffe Zeit, denn wir haben wieder mal eine volle Hundehütte. 11 Banausen gilt es zu füttern, bei jedem Wetter auszuführen und medizinisch zu versorgen. Auch ihre Behausung muss täglich gereinigt werden, was alleine schon etwa eine Std. Zeit braucht. Die Urlaubszeit wird ein Loch in unsere ohnehin schon dünn gesäte Mannschaft reißen. Ich bin derzeit nur noch zwischen Klinik und zu Hause am Pendeln. Wenn ich Thuy nicht hätte wäre das überhaupt nicht möglich. So sehr ich meinen Job auch liebe, ich komme an meine Grenzen und bin genervt, weil so viele andere Sachen liegen bleiben….wie zum Bespiel dieser Brief, der solange Zeit gebraucht hat um hier zu stehen! Doch in Kürze kommt ein Kollege! Ian war schon hier für ein paar Wochen und hat uns viel Last von den Schultern genommen. Jetzt hat er in UK seine Scheine gemacht und kommt als „certified dogtrainer“ zu uns zurück! So bleibt die Hoffnung, dass es auch im kommenden Jahr hier für meine Bubbies mit einem engagierten Team unter professioneller Anleitung weitergeht. Besonders ihretwegen wird es wieder viele Tränen geben. Aber daran will ich noch gar nicht denken.

Hier die Fotos

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