Abenteuer Tour durch Nordvietnam

Saigon, Dezember 2017

Na Ihr,

Ihr werdet es nicht glauben, aber es fröstelt mich gerade ein wenig!!! Wir haben nämlich derzeit nur lausige 22°C und eine steife Brise zerzaust die kurzen Haare. Auf dem Moped ist ein Jäckchen angesagt, weil der Fahrtwind es noch kälter macht (derzeit kann man schneller fahren, da es keine, durch die Schulen bedingte „traffic jams“ gibt) , der Pool gleicht dem Abbaden unserer beinharten Tochter Zianka an der Warnemünder Ostsee! Winter in Saigon!! Da kommt der Glühwein auf dem Weihnachtsbazar der Deutschen Schule gerade recht. Dieser Bazar ist der einzige der unzähligen Bazare, der am Abend stattfindet und somit durch seinen Lichterschmuck einen Hauch von Weihnachtsmarkt nach Vietnam bringt. Da mein Schbusi in unserer großen Bude ein wenig entsprechende Atmosphäre vermisste, backten wir noch ein paar (Rezept für Faule durch den Fleischwolf zu drehende) Weihnachtskekse, was seine Stimmung eindeutig verbesserte. Liebe geht eben doch durch den Magen, besonders in unserem Alter…Aber ansonsten nimmt alles seinen gewohnten Gang. Der Papa verbraucht seinen uralten Urlaub und Mama dreht mit ihren Hunden ihre Runden. Am Heilig Abend werden wir es uns dann bei Raclette gemütlich machen, die Beine hochlegen und uns daran freuen, dass sich die restliche Verwandtschaft auf ein Sofa quetscht! Haha!

 

Etwas frischer war es auch auf unserer Tour durch den Norden Vietnams. Glück hatten wir mit dem Wetter, denn zuvor hatte es auch dort viel Regen gegeben, was die Serpentinenpässe durch die  grüne Gebirgslandschaft noch abenteuerlicher macht. Mir war es auch so eindeutig genug Abenteuer. Wir hatten einen deutschsprachigen, vietnamesischen Fahrer, der uns bereits durch die letzte Tour durch die Nha Bhin Provinz, südlich der Hafenstadt Hai Phong gefahren hatte. Da wir bisher hier immer selber gefahren waren, mussten wir uns erst einmal an die Überholmanöver der vietnamesischen Art gewöhnen: man zieht auf die Fahrbahn des Gegenverkehrs und schleicht dann ganz langsam neben dem LKW her, damit man notfalls bremsen und sich wieder hinter ihm einreihen kann. Gebannt starrt man auf die rasch näher rückende Bergkuppe und hofft inständig, dass sich dahinter keine bösen Überraschungen verbergen mögen, den Fahrzeugboden bereits als imaginäre Bremse voll durchgetreten! Zwischen diesen Manövern genössen wir jedoch die einmalige grüne Landschaft mit ihren unbeschreiblich schönen Reisterrassen an den saften und steilen Hügeln. Nach der nächsten Herzstillstand Situation brauchten wir dringend eine Verschnaufpause, um unsere weichen Knie wieder zu festigen. Ein für die schmalen Straßen viel zu schweren Transporter hatte uns mit seinem ausschwenkenden Auflieger in einer Haarnadelkurve uns um Haaresbreite die Fahrerseite des SUV aufgerissen. Die Notbremsung unseres Fahrers konnte in letzter Sekunde Schlimmeres verhindern. Abenteuer!

Am späten Nachmittag trafen wir dann in einem Dorf der Minorität der Thay ein und erkundeten ihre einfachen Unterkünfte, die sie sich mit den Wasserbüffeln, Enten, Hühnern, Hunden und Katzen teilen. Unsere Übernachtung war in einem sogenannten „Homestay“ vorgesehen…in genau diesem Dorf. Als man uns dem 16 Mann Schlafraum zeigte, der uns nur eine Gardine von den anderen 14 Mitbewohnern trennte, mit freiem Moskitozugang und die auf den Boden liegenden Betonmatratzen, beschlossen wir das Abenteuer auf unser Alter anzupassen und um eine Übernachtung in einem Hotel zu bitten. Das stellte den Fahrer vor einige Herausforderungen, denn die nächstliegende „Stadt“ hatte nicht all zu viel zu bieten und so landeten wir in einem Hotel, gleich um die Ecke. Es wurde von einem Chinesen betrieben und nach einiger Anstrengung konnte er auch ein Mädel ausfindig machen, welches uns die Zimmer zeigen konnte. Wir waren erleichtert ein richtiges Bett gezeigt zu bekommen und ein eigenes Bad gab es auch. Nun brauchte uns der Fahrer nur noch zu füttern, um sich anschließend mit seinen „Homestay“ Kumpel einen schönen Abend zu machen. Aber selbst das gestaltete sich schwierig, denn all die vorgesehenen, vietnamesischen Straßenbuden hatten noch gar nicht geöffnet….worüber wir nicht wirklich böse waren. So landeten wir ganz untypisch bei koreanischem Fondue. Zurück in unserem Hotelzimmer mussten wir dann auf dem zweiten Blick feststellen, dass statt Schokolade verdächtig viele Kondome „ausgelegt“ waren, der Vorgänger sein Shampootütchen nicht aufgebraucht, aber die Zähne ordentlich geputzt und das Zimmer sicher pro Stundennutzung gezahlt hatte. Sicherlich hatte er es anschließend im Kreuz, denn selbst hier war die Matratze so hart wie unsere Kokosfußmatte! Wir entschlossen uns auf der Decke zu schlafen und uns notdürftig mit der zum Glück mitgeführten Kuscheldecke zuzudecken. Unglücklicherweise war mir auch noch etwas hinter das Nachttischchen gefallen und der Anblick all dessen was ich gefunden hatte, als ich es abrückte verfolgte mich noch eine ganze Weile bis ich endlich eingeschlafen konnte. Auch das Abenteuer…in der Hoffnung, dass man es nicht mit nach Hause nimmt!

 

Am folgenden Tag ging es gestärkt mit einem Frühstück der vietnamesischen Art weiter in Norden hinauf, entlang der chinesischen Grenze. Ziel: „Quan Ba“ , die Himmelspforte mit ihrem phantastischen Ausblick. Auch hier wieder viele kleine Minderheiten mit eigenen Sprachen und farbenfrohen Trachten entlang der endlosen Serpentinen des Pha Dinh Passes. Die Muong sind wirklich zähe kleine Menschen, kraxeln die steilen Hänge rauf, als ob die Steigung gar nicht vorhanden wäre. Ihre vereinzelt in den grünen Berghängen versteckten Hütten erkennt man an einer giftigen Pflanze, die böse Geister fern halten soll. Die Engelstrompete. Hier zu Lande gibt es des öfteren Gerüchte, dass ihr Gift benutzt wird um Menschen willenloser zu machen, sie dann zu hypnotisieren, um ihnen dann all ihr Hab und Gut abzuknöpfen. Sozusagen die Softvariante der in unseren Gefilden üblichen Wumme im Rücken vor dem Geldautomaten. Ich konnte das anfangs gar nicht recht glauben, bis es der Mutter meiner ARC Kollegin in Jakarta passiert ist. Bittere Tränen wurden vergossen.

Der Ausblick von der Himmelspforte war dann wirklich einzigartig und ich hoffe, Ihr findet die Zeit euch auch die Fotos anzusehen. Aber um bei dem Thema Gift zu bleiben…wir erklommen noch einen anderen Aussichtspunkt. Dieses Mal mittels eines Turms. Ringsherum standen große Hinweisschilder mit einem Totenkopf drauf. Ich zeigte dem Fahrer ein Foto dieses Schilds und er meinte, man solle auf die Natur Acht geben und nichts zerstören. Irgendwie kam mich das komisch vor, dass die Vietnamesen plötzlich so um ihre Umwelt besorgt wären, dass bei etwaigen Vergehen die Todesstrafe drohen würde und so fragte ich Google, als ich mal gerade Empfang hatte. Es wurde vor der Pflanze Gelsemium elegans – auch „Herzbrecher Gras“ genannt gewarnt. Unsere Petra kennt es sicher, da es auch in der Homäopathie zur Anwendung kommt. Bekannt ist das Neurotoxin dieser Pflanze jedoch eher, weil damit nachweislich der russische Whistleblower, Alexander Perepilichnyy, 2012 vergiftet wurde! Uijui! Bloß weg da – zu viel Abenteuer!

 

Weiter ging es zu der ehemaligen Residenz des Muong Kaisers. Er war sehr einflussreich, da er mit Opium handelte (wie die Briten übrigens auch), was schon zu derzeit extrem lukrativ war. Die Nähe zur chinesischen Grenze war sicherlich auch hilfreich.
Ein kleiner Markt direkt vor seinem Palast rundete den Besuch ab. Dort gab es Walnüsse, den hierzulande weit verbreiteten Buchweizen und noch jede Menge andere Waren zu begucken und erschnuppern. Bei den vielen unbekannten Gewürzen und Pulverhaufen war ich nun aber doch besonders vorsichtig nach den vielen Giftgeschichten.

 

Am Abend erreichten wir dann die einzige ETWAS größere Stadt mit dem Namen Ha Giang (Hasang gesprochen). Es gab dort ein Hotel – halleluja! Direkt gegenüber des großen Markthallen, die wir zum Markttag am folgenden Morgen besichtigen wollten. Wir bekamen ein ziemlich sauberes Zimmer ganz oben im fünften Stock des Hotels und hegten die Hoffnung, dass wir so am weitesten entfernt von allen lärmenden Vietnamesen wären. Waren wir auch….aber nicht weit genug! Es hätten noch ein paar Kilometer mehr sein müssen. Da ein heftiger Regen einsetzte, verzogen sich die Menschen, die aus der Umgebung bereits für den Monatsmarkt angereist waren unter das Blechdach der Markthallen und trällerten Karaoke bis sie keine Luft mehr in ihren Lungen hatten. Die Wasserpumpe auf dem Hoteldach gleich neben unserem Zimmer konnte den Takt nicht halten, sondern machte ihren eigenen Galeerenrythmus. Und auch hier wieder Kokosfußmattenmatratze. Wir sind halt ganz schön verwöhnt und ab und an ist so ein Abenteuer gut, um zu wissen, wie gut man es doch hat!

 

Da in den vietnamesischen ländlichen Hotels nie Frühstück angeboten wird, gehen die Leute an der Straße frühstücken. Nur unterscheidet sich ihre Nahrung so sehr von der unseren, dass wir an diesem Morgen die Aufnahme eines vietnamesischen Frühstücks verweigerten und stattdessen einen starken vietnamesischen Kaffee mit Kondensmilch und ein paar Kekse verdrückten. Wir Europäer fühlten uns stark unterzuckert so ohne Marmelade, Nutella, Milch, Kaffee oder Brot. Zum Glück hatte ich vorausahnend schon den Rucksack voller Snacks mit denen wir unseren Mägen bei Laune hielten.

Das rege Treiben auf dem Markt war eine Erfahrung, spiegelte das harte Leben dieser Bergbevölkerung wieder. Trotz der engen Gassen und der vielen Menschen hatte man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gefährdet zu sein. Eine Weile setzte ich mich zu den Bauern auf ein Bänkchen und ließ das alles auf mich wirken. Außerdem wollte ich mir den Anblick des Tiermarktes ersparen, denn davon habe ich in Saigon schon genug… Es ist eine Welt für sich und ich bin dankbar, dass ich meine Nase einmal hineinstecken durfte, um einen Einblick in dieses, so fremde, Leben erhalten durfte.

Nun ging es noch weiter in den Norden Richtung chinesische Grenze. Ziel die Lung Khuy Höhle. Sie ist auf einer Anhöhe gelegen und man muss erst einen schweißtreibenden Aufstieg bewältigen, um dann mit dem nächsten Abenteuer gelohnt zu werden. Zahlreiche Schmetterlinge säumten diesen Pfad und immerzu Grün um meine ausgehungerte Seele. Herrlich! Oben angelangt wurde uns mitgeteilt, dass man die Höhle zwar besuchen könnte, es jedoch keine Beleuchtung gäbe, da der Strom schon den ganzen Tag weg wäre! Höhle im Dunkeln….mmmh?! Nun hatten wir es bis hierher geschafft, da wollten wir uns dieses Highlight auch nicht entgehen lassen und machten uns mit einer Taschenlampe und unseren halbgeladenen Smartphones auf den finsteren Weg! Huhuuu Abenteuer!

Es war unbeschreiblich, fast mystisch. Mit gesträubten Nackenhaar und eingezogenem Kopf tasteten wir uns entlang des glücklicherweise vorhandenen Geländers. Je tiefer es hinab ging, desto mulmiger wurde es einem – mir zumindest. Aber der Anblick dieser, tausende von Jahren alten Gesteinsformierung ersetzte uns immer wieder aufs Neue in Erstaunen. So vielfältig in Form und Farbe, jedes für sich einzigartig. Und dabei haben wir im Dunkeln sicher nicht einmal alle bestaunen können. Die letzte Zapfen machte sich dann wortwörtlich einschlägig bemerkbar und hinterließ dann auf dem letzten Metern doch noch eine Beule auf Willis Kopf! Abenteuer haben ihren Preis!

 

Zum Abschluss unserer Tour besuchten wir noch ein weiteres Dorf der Minorität der Dao. In ihren Dörfern windet man nicht selten Hanfpflanzen. Natürlich ist auch hier in Vietnam der Anbau dieses Rauschmittels verboten, doch die Autoritäten scheinen bei diesen Minderheiten ein Auge zuzudrücken, da dieses ihn (zumindest offiziell) für die Herstellung ihrer Gewänder benutzen. Auch hier wäre wieder ein „Homestay“ möglich gewesen, doch wir waren ehrlich froh, dieses Mal nach der langen Autofahrt ein sauberes Zimmer mit einem durch zwei weitere Steppdecken komfortables Bett bekommen zu können. Am Ende unserer Reise angekommen, haben dann auch meine Boots, die mich auf so vielen Touren durch so viele Landstriche dieser Welt getragen haben, aufgegeben. Mir wurde wirklich ein wenig wehmütig ums Herz, aber nach all diesen neuen Abenteuern freute ich mich auch wieder auf unsere weiches Sofa, die fette Glotze und natürlich unseren Filou.

Fotos

 

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