Ab geht die Rakete

Nur-Sultan, September 2019

 

Ja, doch! Es gibt uns noch! Und nein, wir sind nicht in der weiten Steppe Kasachstans verloren gegangen! Aber ich muss zugeben, dass ich ewig nichts mehr geschrieben habe. Leider war unser letzter Deutschlandaufenthalt so hektisch, dass wir eigentlich gar keine Zeit für gar nix hatten. Man möge es uns bitte verzeihen, wenn wir uns nicht für einen gemütlichen Klönsnack verabredeten. Uns fehlte es einfach an Gemütlichkeit!

Nu muss ich erst einmal nachschauen, wo ich denn beim letzten Mal stehen geblieben bin, um euch nicht mit irgendwelchen Wiederholungen zu langweilen. Ne – ich kann mich doch nicht an mein Gekritzel von gestern erinnern! Dafür gibt es doch Drucker! Und ja, an diesem Posten ist der Alltag doch recht alltäglich und das Einzige was sich ändert ist der Name dieser Stadt!

Ja, ja! Wir wohnen jetzt in Nur-Sultan und nicht mehr in Astana! Und das dieses Mal ganz ohne Kartons packen zu müssen! Die Stadt wurde nämlich kurzerhand unbenannt, nachdem der langjährige Präsident Nursultan Nasarbajew sein Amt an dem von ihm als geeignet bestimmten Nachfolger Kassym-Schomart Tokajew abgetreten hat. 

Neue Stempel, neue Bootsbeschriftungen, neue Leuchtreklamen und all das Engagement, welches man für die Bekanntmachung von Astana, auch durch die Expo 2017, investiert hatte, ab in die Tonne. Zurück auf null! Die Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Wir haben unseren ersten kasachischen Winter tapfer überstanden. Ein milder soll es gewesen sein, wie uns gesagt wurde. Uns hat dieser Einstieg völlig ausgereicht, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass es für uns wohl keine Verlängerung der Standzeit geben wird. Das klingt jetzt etwas verbittert, sind wir aber nicht. Der Winter hier hat ein schöneres Gesicht, als die kalte Jahreszeit in Deutschland mit seinem grauen Matschepatsche Wetter und der tief über den Köpfen hängenden, undurchdringbaren Wolkendecke. Hier scheint der Himmel unendlich und die Zweige glitzern im Sonnenlicht. Wäre da nur nicht der böige Wind, der einem eine Ohrfeige nach der anderen ins Gesicht pfeffert und sogar die Hunde, die Augen zukneifen lässt. So oft wie es bei uns im November regnet, zerrt er hier an den Kapuzen und setzt alles daran, das wir winzigen Menschen und Vierbeiner nur wieder sicher ins Innere eines Gebäudes gelangen wollen. Bangee-Laufen horizontal! Die Gewalttätigkeit, mit der er an allem zerrt und er mit grausigem Heulen durch alle Spalten und Flure spukt, kann einem wirklich das Fürchten lehren. Unnötig zu erwähnen, dass man sich bei minus 20 und kälter ohnehin gern jeden Meter im Freien erspart…

Die Weihnachtsfeier der Botschaft wurde in einem rustikalen Restaurant in einem recht großen Rahmen zelebriert. Es gab Unmengen von Köstlichkeiten, die nach deutscher Art zubereitet waren, Kinder warteten auf den Weihnachtsmann und auch deutsche Weihnachtslieder wurden wunderschön vorgetragen. Die Herausforderung lag darin das Lokal unversehrt zu erreichen. Denn natürlich hatte man sich fein gemacht – dummerweise passen die Spikes aber nicht unter die Pumps und so schlitterten wir die paar Meter in einer extrem unbeholfenen Gangart vom Parkplatz bis zu den Stufen. Diese waren weder geputzt noch gestreut. Damit hat man es hier nicht so. Vielleicht sollte ich einen Rollator mit Spikes, klappbar und transportabel für das Mitnehmen im Auto entwickeln.

Wegen der beschriebenen Einschränkung der Mobilität sucht man auch nicht ewig rum, ob man Rotkohl oder Eierlikör irgendwo auftreiben kann, sondern versucht sich selbst. Dank des Internets kommt man auch mal ohne Mamas Geheimrezept aus und so lernt man auf seine alten Tage immer noch dazu und kann besonders zu Weihnachten und Silvester punkten. “Always look on the bride side“  ;-)

Anfang des Jahres gestatteten mir einige kasachische Schulen den Besuch mit Filou. So konnte ich ganz in unserem „Pro Dog“ Sinn ein wenig mehr Kenntnisse rund um den Hund verbreiten. Eine nette Abwechslung in unserem Dasein und für mich wichtig, um mich irgendwie nützlich zu fühlen. So sehr ich die Zeit für mehr Sport und Basteleien geniesse, meine Arbeit als Hundetrainer fehlt mir und Kunden tauchen nur sehr vereinzelt am Horizont auf. Wer hat auch schon Bock sich draußen die Ohren, Zehen und Hände abzufrieren, während Fiffi sich lieber warm hält, indem er einem Hasen nachflitzt?!

Umso verständlicher die Freude und Ausgelassenheit mit der hier „Nauryz“ – das Frühlingsanfang -  gefeiert wird. Der Tag, an dem die Tage endlich wieder länger werden. Die Menschen tauchen wie die Murmeltiere endlich wieder auf der Oberfläche auf und versammeln sich zu einer Art Volksfest, das jedoch nicht mit unserer konsumorientierten Kirmes zu vergleichen ist. Außer einem Kinderkarussell gibt es keinerlei Fahrgeschäfte. Stattdessen gibt es Spiele, wie wir sie uns vielleicht in einem Museumsdorf vorstellen würden. Seilziehen zum Beispiel oder Knochen werfen, Kinder auf einem an Seilen aufgespanntem Balken schaukelnd. Viele Kasachen in Landestracht herausgeputzt. Das gemeinsam - Spaß haben, das Leben bei Schaschlik und Zuckerwatte genießen, stehen im Vordergrund. Eine schöne Atmosphäre und in allen Gesichtern spiegelt sich die Vorfreude auf den Frühling!

Erstaunlicherweise schmolz der Schnee im Nu weg und selbst der Fluss Ischim, der unseren Park von dem Präsidentenpalast trennt, verwandelte den Eispanzer rasch in sein übliches graues Antlitz. Während der Übergangsphase jedoch eine echte Gefahr für die Junghunde, die nicht jetztzeitig angeleint wurden und sich übermütig auf die sonst doch tragende Eismasse begaben und plötzlich ein mulmiges Gefühl unter den Pfoten verspürten. Zum Glück ist in diesem Jahr alles glimpflich abgelaufen. Das schwindende Eis gab den Gangstern jedoch ein Vergnügen der besonderen Art preis: Fischkadaver! Herrlich - halb verrottete, glitschige, meterweit übelst stinkende Fische. Die meisten Junghunde konnten diesem Parfum nicht wiederstehen, was immer wieder zu einem Wettrennen zwischen Zwei- und Vierbeinern führte - sehr zu allgemeinen Erheiterung der übrigen Truppe! Bin ich froh, dass Filou nicht auf Fisch steht und hier im Park keine Kühe rumstehen!

Und noch etwas Schönes brachte der Frühling. Unsere Freunde Massi und Aigerim vergrößerten unseren Hunde-Fanclub um Sohn Miras. Leider sind sie mittlerweile samt Hund Mango auf neuem Posten in Nigeria. Wir vermissen euch!!

Nachdem am 30. April der letzte Schnee gefallen war und der Winter im Mai dann endgültig aufgegeben musste, machten Willi und ich uns auf unsere erste Tour in die nächstmögliche grüne Oase. Die ist ungefähr 3 Autostunden entfernt und heißt Burabay oder auch Borovoi. Der Nationalpark dort hat wunderschöne Seen und Wälder. Richtige Bäume! Hat sich mein Gemüt über dieses herrliche Grün gefreut. Ich konnte mich gar nicht satt sehen. Ich wäre gerne noch etwas geblieben, aber das Wochenende war im Nu vorrüber  und wir mussten wieder zurück in unseren Hochbunker.

Doch dort verweilten wir nur eine paar Tage und schon ging es weiter nach Almaty. Südöstlich gelegen und einigen von euch vielleicht noch besser als Alma Ata bekannt. Damals noch Hauptstadt von Kasachstan und immer noch kulturelle Hochburg und Sitz zahlreicher internationaler Vertretungen, Universitäten und Museen. Hier wurden wegen seiner Höhenlage schon etliche Wintersport WM Wettkämpfe ausgetragen. Eine Sprungschanze prangt an den schneebedeckten Bergkämmen, die der „Stadt der Äpfel“ (was „Almaty“ übersetzt bedeutet) ein ganz besonderes Ambiente verleiht. Leider gerät dieser malerische Ort auch wegen der häufigen Erdbeben immer wieder in die Weltöffentlichkeit. Besonders reizvoll an diesem Fleckchen Erde, seine Vielfältigkeit in Flora und Fauna. Ihr werdet es auf den Fotos sehen…

Es fiel schwer wieder ins flache, triste Astana zurück zu fliegen, aber schon kurze Zeit später brachte uns ein kleiner Flieger zum Flughafen Krayniy. Noch nie gehört, richtig? Ich auch nicht. Aber vielleicht sagt euch Baikonur etwas. Genau! Von hier aus starten die Raketen in die Weiten des Weltalls. Und wir durften dabei sein. Mir haben eigentlich schon die Weiten der kasachischen Steppe gereicht, um mich irgendwie ausgesetzt zu fühlen. Wie müssen sich da erst die drei Astronauten fühlen, wenn sie schon stundenlang vor dem Abschuss in ihrer kauernden Position auf den alles entscheidenden Moment warten?!

Die Tour war strikt durchgetaktet. Wir wurden am Flughafen von unserem einarmigen Fahrer abgeholt und schon bretterten wir in dem Van von kasachischer Volksmusik begleitet über die endlose gerade Strecke, die bis zum Horizont reichte. Nach ca. 3 Std. Fahrt durch die weite Steppe Kasachstans erreichten wir die erste Ansammlung von Gebäuden. Nur vereinzelte Menschen zu sehen. Kein Wunder bei diesen Backofentemperaturen. Unser Fahrer hielt am Straßenrand vor einer Moschee und versuchte uns zu erklären, dass wir hier warten müssten. Ah, nun konnte man auch den Schlagbaum vor uns ausmachen, der sozusagen das Stadttor zu Baikonur darstellte. Einlass nur mit gültigen Dokumenten. 10 Minuten später parkte ein weiteres Fahrzeug direkt hinter uns und die Fahrer besprachen sich und tauschten Papiere aus. Dann erst durften wir nach eingehender Kontrolle der russischen Soldaten in die „Stadt“ Baikonur hereinfahren. Das eigentliche Testgelände liegt etwa 20 k entfernt und ist ebenso gesichert. Alles irgendwo im Nirgendwo. Immerhin gab es zwischen den armseligen Sowjetblocks ein paar kleine Bäumchen, die es erstaunlicherweise schaffen, der Affenhitze Stand zu halten. Wie es Menschen hier für länger als einen Raketenstart aushalten können, ist uns ein vollkommenes Rätzel! Auch unser Hotel erinnerte mehr an eine heruntergekommene Jugendherberge aus den 50igern als an ein Hotel, für das Touristen aus aller Herren Länder einen ganzen Batzen Geld hinblättern. Das Zimmer war mintgrün gestrichen und es gab drei Steckdosen. Eine für die Klimaanlage, die mehr Vibration verursachte als der Start der Rakete! Eine weitere konnte man entweder für einen alternden Fernseher oder aber den Kühlschrank benutzen und ein dritter war für Fön oder Rasierer gedacht. So stellten wir uns den Wecker, um alle Handys und Kameras rechtzeitig wieder startklar zu haben, denn auf die Klimaanlage, die es immerhin schaffte das Zimmer auf 26 Grad runter zu rattern, wollten wir auf keinen Fall verzichten. Und bei der Hitze konnte man eh nur erschöpft auf das Bett fallen. Am Nachmittag wurden wir wieder abgeholt und zum Stadtmuseum chauffiert. Wir waren sehr dankbar, dass wir nicht laufen mussten. Leider gab es dort keine englischen Erklärungen und so war man auf das Schauen reduziert. Am Abend schafften wir es ein wenig durch das Städtchen zu laufen, doch schnell suchten wir uns ein gemütliches Plätzchen in einem nahegelegenen Restaurant. Satt und zufrieden schliefen wir danach selig in unserer spartanischen Unterkunft. Das Frühstück musste man wie in einem Diner bestellen und anschließend sogleich in Rubel bezahlen. Anschließend holte uns Jerkin, unser Fahrer wieder ab. Bei einem Zwischenstopp gesellte sich noch eine attraktive junge Dame zu uns, die dafür Sorge trug, dass wir geschmeidig durch alle Sicherheitskontrollen kamen und wir innerhalb des russischen Sperrgebietes nirgendwo abhandenkamen. Leider sprach auch sie nur russisch – genauso wie die Angestellte des Cosmodroms, dass wir nun durchforschten. Nicht einmal Erläuterungen auf Englisch. Ziemlich enttäuschend. Aber beide Damen gaben sich größte Mühe mit uns und als wir google einmal sagen ließen, dass der Willi immer Angst bekäme, weil die junge Dame immer ganz böse gucken würde, wenn sie uns etwas zu erklären versuchte, bekam das Eis endlich Risse und es wurde trotz der Verständigungsschwierigkeiten ein wirklich interessanter Vormittag im Cosmodrom. Am Ende wurden wir von der Leiterin sogar noch auf einen Tee in den Konferenzsaal gebeten und erfuhren, dass beide Cosmodrom-Damen schon über 30 Jahre in Baikonur lebten. Als wir unsere Reiseführerin fragten, ob sie auch so lange zu bleiben gedenke, wirkte sie ziemlich geschockt und winkte entschieden ab. Konnten wir verstehen!

Wegen der Affenhitze waren wir sehr froh, dass der Raketenstart für 20:28 Uhr geplant war. Nach nur 6 Std. Flugzeit sollten die 3 Astronauten (US, Russland und Italien) dann an der ISS andocken und die Mannschaft dort ablösen. Als wir durch den Sonnenuntergang zu der Aussichtsplattform gebracht wurden, verharrten die Männer bereits in ihren unbequemen Startpositionen im Inneren der Rakete. Es soll ja etliche Menschen geben, die alles darum geben würden, den Platz mit ihnen zu tauschen. Ich bin definitiv keiner von Ihnen!

Vor meinem geistigen Auge tauchten die Bilder der „Challenger“ Katastrophe im Jahre 1986 auf. Und erst im Oktober des vergangenen Jahres mussten zwei Astronauten in ihrer Kapsel in der kasachischen Steppe notlanden, als ein Triebwerk nicht funktionierte. Und doch konnte ich die Augen nicht abwenden, als die Rakete endlich zündete, der Boden vibrierte und sich die Rakete recht schwerfällig vom Boden abhob. Selbst der kratzigen russischen Stimme, aus der Kommandozentrale konnte man die Anspannung anhören. Ein berauschender Moment, der einem den Atem anhalten ließ. Nur wenig später war der Feuerschweif nur noch ein Punkt im dunklen Nachthimmel und trotzdem versuchte man zu sehen, ob es den waghalsigen Menschen dort oben gut gehen würde. Kurz darauf rief einer der Zuschauer: „The ISS should appear now!“ Und wirklich, dort am weiten Himmel zwischen den Sternen war ein Licht auszumachen, welches ich in meiner Unwissenheit für ein Flugzeug gehalten hätte. Dies sollte also das Ziel der drei Astronauten sein, nachdem sie die Erde einmal umkreist hätten. Wahnsinn!

Am nächsten Morgen bretterte Jerkin dann auch schon wieder in Richtung Flughafen mit uns. Einarmig mit eingeklemmten Handy am Ohr vollbeladene Kleinbusse trotz Gegenverkehr auf einer schmalen Piste zu überholen, erschien uns ebenso riskant wir ein Flug ins All!

Hier ein offizielles Video vom Start:

Tagesschau

Hier nochmal ein wenig ausführlicher:

Baikonur Galileo

Und hier noch ein paar Fotos und Videos, die euch hoffentlich einen Eindruck von unserem Leben hier in Kasachstan vermitteln können. Manche von ihnen haben noch eine kleine Beschreibung, wenn man sie anklickt. Leider konnte ich sie nicht ganz in chronologische Reihenfolge bringen….

Ich hoffe, dieser lange Bericht entschädigt ein wenig für das „Keine Zeit für euch haben“. Gebt uns nicht auf, vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal!

Seid ganz herzlich gegrüßt

кош бол Regine, Willi & Filou

Fotos und Videos 

English Version

Bericht zum Ausdrucken

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