Mangelnde Bodenhaftung

Astana, Otober 2018

Zeit sich mal wieder zu melden…Nein, wir sind noch nicht erfroren, wobei die Betonung auf „noch nicht“ liegt! Der erste Schnee rieselte hier bereits Mitte Oktober herunter und zauberte erst eine Puderzuckerschicht auf unsere Parklandschaft, doch die wurde rasch zu einer echten, durchgängigen, knirschenden Schneedecke.

Zum Glück hatte ich mich während meines Aquafitness-Programms aufgrund der stur an der Wasseroberfläche befindlichen Nudel schon an eine mangelnde Bodenhaftung gewöhnt, doch die wahre Herausforderung der hiesigen Witterung befindet sich nicht am Boden, sondern in der Luft!

Die Tücke liegt in der Unvorhersehbarkeit der starken Windböen. Natürlich checkt (Mann nicht, aber) Frau, welche Temperaturen uns (mich und Filou) außerhalb unserer sicheren Höhle erwarten. Mann muss ja lediglich die Distanz vom Botschaftsparkplatz bis zum Gebäudeeingang unfall- und erfrierungsfrei meistern. Wir hingegen wollen der Natur für wenigstens 45 Minuten trotzen. So eine Schulstunde kann schon verdammt lang werden!

Da heißt es sich entsprechend vorzubereiten. Die Zeit, die man in Vietnam mit häufigen Duschen, Baden oder Umziehen zugebracht hat, wird nun in Schichtarbeit investiert. Nein, nicht zeitlich gemeint, sondern wegen der „Zwiebel-Technik“, die es braucht, um sich ausgeh- bereit zu machen.

Die Garderobe ist strikt durchorganisiert, alles hat seinen Platz. Denn eine weitere Herausforderung besteht darin, nicht völlig verschwitzt im Fahrstuhl anzukommen. Er dauert ja nun mal eine Weile bis man über die Robin Hood Strumpfhosen noch die warmen Gummistiefelsocken gefummelt hat und der Kuschelschal so positioniert ist, dass der Wind den Schwiegermutternacken nicht verärgert bis die Schultern wieder mal an den Ohren kleben. Und natürlich bekommt auch Opa Filou einen Strickpulli an. Wie soll er sich auch auf die Kälte einstellen, wenn er 20 Std. täglich in seinem Kuschelsack abhängt?! Aber ihm scheinen die Temperaturen (bisher) nichts anzuhaben. Nur der Wind ist auch ihm nicht ganz geheuer. So bedarf es also einer echten Strategie bevor es wirklich los geht und das Ganze erinnert mich manchmal an einen Raketenstart. (Passt ja auch zu Kasachstan…wobei manchmal kommen sie ja auch wieder runter!) Da sollte einem auch nicht einfallen, dass man vielleicht doch schnell noch einmal auf´s Klo möchte!

Wir haben uns also, so gut es geht, auf hiesige Verhältnisse eingestellt. Nach über vier Jahren Einlagerung auf dem Hausboden in Berlin mussten all die voluminösen Stricksachen erst einmal in der Waschmaschine Karussell fahren. Dann möglichst milbenfrei verstaut werden. Dank der gut durchdachten Einbauschränke ist das auch recht übersichtlich gelungen. Allerdings sind viele dieser Pullis einfach zu dick, um sie unter winddichten Jacken tragen zu können. Es sei denn man möchte wie ein Marshmellow-Mann herumstampfen. Nur der Cashmere Pulli hält super gut warm. Dafür leider schw…teuer!

Somit ergibt sich eine neue Schwierigkeit: Während ich, dick verpackt auf dem rutschigen Untergrund immer unbeholfener werde, fühlt sich Filou scheinbar in seine Kindheit zurückversetzt, rammt seine Spikes in den Boden, und zeigt dem weiß-braunen, Feldhasen mal kurz, was er noch so drauf hat mit seinen 12 Jahren. Zum Glück sind es dann aber nur kleine Sprints und danach kommt er immer brav zurück, um stolz wie Oskar ein paar Leckerchen abzugreifen. Ansonsten zeigt er eher Interesse an den Bodenbewohnern und ich gönne ihm ein paar Exkursionen in die tieferen Erdbereiche im hinteren Bereich unseres Mikrokosmos, wo es kaum noch Spaziergänger gibt.


Mittlerweile sind wir auch nicht mehr ganz so einsam unterwegs und haben nun auch hier ein Hundegrüppchen, mit dem wir uns meist am Nachmittag auf eine Runde zusammen finden. Da ich es nicht lassen kann, habe ich gleich mal eine What´s App Hundegruppe initiiert, die langsam aber sicher wächst und gedeiht. Aus dem harten Kern dieser Gruppe ist mittlerweile „Pro Dog Astana“ entstanden, mit dem Ziel anderen, bereits bestehenden Tierschützgruppen unter die Arme zu greifen. So haben wir nach einen Hilferuf einer dieser Gruppen, Futter und Geld gesammelt und es zur Tierauffangstation gebracht. Die Zustände dort sind extrem und allein die schiere Menge an Hunden bringt einen an den Rand der Verzweiflung. Mein größter Respekt gilt den Menschen, die dort in der Eiseskälte, unentgeltlich Verschläge bauen, um die Tiere irgendwie vor der Witterung zu schützen und im Freien Buchweizen kochen, damit möglichst alle irgendetwas in den Bauch bekommen. Nach meinem ersten Schock ging ich in den hinteren Bereich, wo noch mehr Hunde in Riesenrudeln gehalten wurden. Nur wenige waren in Zwingern. Entweder, weil sie Welpen hatten oder vielleicht läufig waren. Trotz dieser Umstände sah ich keine wandelnden Gerippe oder Tiere mit schweren Bissverletzungen. Ein Tier wurde allerdings gerade heftig gemoppt und es war niemand da, der eingeschritten wäre, so geleitete ich es bis in eine besser zu verteidigende Ecke. Aber ein fremder Mensch, der das was Rumbefiehlt behagte der Truppe nicht besonders und ich brauchte tatsächlich Hilfe eines Mitarbeiters, um ohne Löcher in den Hosenbeinen das Gelände wieder zu verlassen. Klarer Fall von Selbstüberschätzung! Gut, um mich auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen. Die Gruppendynamik von Hunden, die auf der Straße überleben zu unterschätzen bedeutet – Lebensgefahr! Das bestätigte mich in meinem bereits gefassten Entschluss, meine Aktivitäten als Tierschützer auf den Bereich zu beschränken, den ich sowohl psychisch als auch physisch stemmen kann. Dies tun wir nun als „Pro Dog“ Team gemeinsam im Rahmen unserer Möglichkeiten. Wir beginnen gerade Schulbesuche zu vereinbaren, Selbstgemachtes zu verkaufen, allein um auf unsere Gruppe und die schlimmen Zustände aufmerksam zu machen. Es ist nicht einfach die Balance zu finden. Man möchte so gerne alle  retten. So viele dieser Hunde suchten den Körperkontakt und flehten mit ihren Augen um Unterstützung. Es ist schwer sie nicht in sein Herz zu lassen und ich kann nur hoffen, dass mehr Menschen so einem Schnuffi eine Chance geben anstatt noch mehr Hunde zu produzieren. Nein, dass soll kein Vorwurf an Hundebesitzer mit Zuchthunden sein, aber vielleicht passt ja noch ein zweiter mit rein…???

Ich versuche mich dann an den Erfolgsgeschichten derer festzuhalten, die es geschafft haben und nun ein gutes Leben führen dürfen anstatt zu vegetieren. Louis zum Beispiel! Louis gehört noch zu meinem vietnamesischen Rudel. Er hatte gleich zweimal Pech. Oder Glück.. wurde einmal gerettet als er mit einem Kabel am Hinterbein zum Schlachter gezerrt wurde und das zweite Mal, als sein neues Herrchen ihn einfach der Obhut von Fabrikwächtern überließ, die ihn dann mit vergorenem Reiswasser fütterten und die meiste Zeit in einem Verschlag hielten. Wieder bei ARC (Animal Rescue and Care) wurde er das zweite Mal aufgepäppelt und so gut versorgt, wie es ging. Doch das Sensibelchen kam einfach nicht zur Ruhe, sehnte sich nach Zugehörigkeit zu einem Menschen und ging bei jeder sich bietenden Gelegenheit stiften. Keine gute Idee in Saigon! Auch, wenn er dann vertraute Platze aufsuchte oder auch schon mal bei mir vor der Tür stand, sich riesig freute mich zu sehen und sich sogleich in meine kühle Stube ausstreckte. Gerne hätte ich ihm erlaubt zu bleiben. Aber mit dem bevorstehenden Umzug nach Astana, den damit verbundenen erheblichen Kosten für Filous Transport war daran nicht zu denken. So verselbständigte sich das Kopfkino und ich fühlte mich elend, meinen Kumpel so hängen gelassen zu haben. Ich klapperte all meine Hundefreunde im Geiste und auch per direkter Anfrage ab, in der Hoffnung doch noch ein Plätzchen für ihn zu finden. Dann kam die Rettung für uns beide: Sie heißt Andrea! Ich kenne Andrea schon seit wir (das erste Mal) nach Berlin gezogen sind. Mittlerweile lebt sie in Mecklenburg Vorpommern mitten in der Natur. Sobald die freudige Mitteilung kam, wurden alle notwendigen Vorbereitungen getroffen und Louis durfte bei einer ARC Mitarbeiterin namens Nina schon mal probewohnen, sich an seine Box gewöhnen und deutsch lernen. Danke dafür, Nina!!! Und tatsächlich ist Louis Schmusebacke nun seit kurzem in Deutschland, hat keinerlei Probleme mit seinem Mitbewohner Opa Stanley oder den beiden Schafen auf der Weide. Der einzige Schock war die Kombination von Nass und Kalt. Mit großen Augen beobachtete er, wie Stanley sich unbeeindruckt und freiwillig diesen Widrigkeiten aussetzte. Ein kleines Opfer, das er wird bringen müssen, für den Luxus eines erfüllten Hundelebens! Ich freue mich unsagbar, dass ich ihn werde wiedersehen dürfen!

Aber zurück zum hier und jetzt… Wollte noch ein wenig von den hiesigen Haltungsbedingungen meinerseits berichten. Ja, HighVill, wie dieser gesamte, aus etlichen Wohnblocks bestehende Gebäudekomplex heißt, gleicht wirklich einer Massentierhaltung. Die einzelnen Käfige sind jedoch deutlich komfortabler und der Blick nach draußen ist deutlich besser als der Blick auf die Anlage.
Ich schaute gerade mal wieder zur Prüfung der Witterungsverhältnisse aus dem Fenster, als da jemand auf einer Schaukel auf Augenhöhe vor der Scheibe baumelte. Ich hatte einen halben Herzinfarkt bekommen, bis ich realisierte, dass es einer der Menschen ist, die jegliches Empfinden für Temperatur oder Höhe abgelegt oder nie entwickelt hat. Ich winkte ihm freundlich zu und er nickte sogar, als ich um sein Einverständnis für ein Foto gestikulierte. So etwas wäre in Deutschland undenkbar und nicht einmal in Vietnam hatte ich solche „Alpinisten“ (wie sie mein Schweizer Kumpel nennt) gesehen. Ist vielleicht die Sehnsucht in der großen, weiten Steppe nach einer Erhebung mit eisigem Wind so groß, dass man die Häuserfassaden bis in den 35. Stock erklimmt?? Ich bin diesen Menschen jedenfalls sehr dankbar, dass sie sich das so freiherzig antun, denn sie checken jede einzelne Befestigung der Fassadenfliesen und machen unser Leben damit sicherer. Auch da kommt mir der Ausdruck der „mangelnden Bodenhaftung“ wieder in den Sinn…

„Mangelnde Bodenhaftung“ hatte ich auch weiter unten (womit wir hier wieder bei dem allgegenwärtigen Thema der Wetterbedingungen wären). Da ein anderes Mitglied unseres Teams vor einem Polizeieinsatz gegen frei umherlaufende Fußgänger auf der Fahrbahn berichtete, beschloss ich ausnahmsweise Mal von der anderen Richtung brav über die Fußgängerampel die Straße zu queren. (Wenn die Polizisten sehen würden, wie Fußgänger in Ho-Chi-Minh eine Straße überqueren, würden sie die Sache hier sicher deutlich entspannter sehen!!) Von der Kreuzung sind es ja nur ein paar Meter bis zu unserem Eingang. Gaaanz schlechte Idee!!! Mir war zwar bewusst, dass der Wind hier am stärksten saust, aber dass die Böen einen mit solch einer Boshaftigkeit und Leichtigkeit hinwegfegen, kam völlig unerwartet. Ich konnte gerade noch mit einer Hand einen Laternenpfeiler einhaken und grabschte mit der anderen nach Filou und zog ihn am Halsband an mich heran. Er hatte die Augen zugekniffen und die Flexi-Leine kam eher eine Drachenschnur gleich. Wir kauerten so lange an dem Pfeiler, bis das Sturmmonster wieder tief Luft holte und wagten im Eiltempo einen Sprung bis hin zum Treppengeländer unseres Eingangs. An dem konnten wir uns glücklicher Weise wie „Stalone“ in „ Cliffhanger“ bis in den Schutz des überdachten Bereiches ziehen. Dann galt es noch die ohnehin schon schwere Tür gegen den Druck des Windes aufstemmen und sie so zu sichern, dass ich nicht zwei Hundehälften nach Hause bringen würde! Erleichtert und heile bis ins Foyer gelangt, schauten wir uns gegenseitig etwas verdutzt an. Neue Erfahrung! Konnten wir beide irgendwie noch nicht wechseln. Das schaurige Geheul in den Fahrstuhlschächten flößte mir immer noch Respekt ein. Als wollte der Sturm sagen: “Dich kriege ich auch noch!“ Richtig gruselig! Was ist so ein kleines Menschenwesen schon gegen die Urgewalten der Natur??! Wäre es schon der 31. Oktober gewesen, hätte ich die Bettdecke über den Kopf gezogen und wäre nicht mehr raus gekommen!


Aber irgendwie kann man ja auch nicht 24/7 in der Bude hocken und so hatte ich mich im Fitness-Center des sogenannten Community Centers eingeschrieben. Dort kann ich tagsüber dann an jedem Kurs teilnehmen, Schwimmen gehen oder die Sauna benutzen. „Sauna benutzen“?  - das klingt verlockend. Besonders bei minus 40 Grad! So gehe ich also fleißig montags und mittwochs zum Aquafitness und donnerstags zum Yoga. Hatte gar nicht gehofft wieder eine Bademöglichkeit zu finden, denn die meisten Schwimmbäder sind entweder zu weit entfernt oder aber das Wasser so kalt, dass ich nach 10 Minuten blau anlaufe, egal wie viel ich herumhopse. Dieses ist zwar klein, leicht gesalzen statt gechlort, aber dafür gerade richtig temperiert. Mittlerweile habe ich es sogar geschafft, dass manche der Teilnehmer mir grüßend zunicken oder mich sogar ansprechen. Letzteres vielleicht nur, um meine sicher lustig klingende Höflichkeitsfloskel „wie geht´s“ auf Kasachisch zu hören. Aber is ja egal, denn damit gibt es einen Punkt auf mein Konto, denn es ist sozusagen eines meiner heimlichen Hobbies, den Bewohnern dieser Betonbehausung ein Lächeln abzuringen. Und darin kann ich mit meiner norddeutschen Sturheit schon ganz schön beharrlich sein. Nur bei den Step-Aerobic Girls habe ich auf Granit gebissen, was vermutlich zwei Gründe hatte: 1. Mussten die sich die ganze Zeit im Spiegel betrachten und 2. all ihre Konzentration auf die Po-muskeln fokussieren, damit der Pfennig nicht rausfällt!

Wenn ich dann nach diesem Morgenprogramm wieder bei meinem Opi bin, kollabieren wie gemeinsam auf unseren Bettchen und machen erst einmal Siesta mexikana! Danach steht ja auch schon fast wieder die nächste Hunderunde auf dem Programm, schnell noch mal was zu futtern kochen und schwups ist auch hier der Tag wieder rum. Die Zeit vergeht wie im Fluge!

 

Vietnam wird allmählich zu einer Erinnerung. Wie ein Zug, der langsam am Horizont entschwindet. Die Distanz zu meinen Freunden dort schmerzt zwar immer noch sehr, genau wie zu meiner Berliner Gang, doch irgendwie hat es die Natur eingerichtet, dass der Mensch sich anpasst. Zwar bin ich noch als stiller „Mitleser“ in all den What´s App Gruppen, doch die Gewichtung verschiebt sich. Man bemerkt mit einem Gefühl der Schwermut, dass man nicht mehr Teil des alltäglichen Geschehens ist und somit auch nicht mehr so viel beitragen kann. Aber Heim/Fern-weh oder Depression macht einem das Leben ja nur schwer und so versuche ich im Hier und Jetzt das Beste draus zu machen und egal wie weit die Fiffi Feger oder ARCis von mir entfernt sind, sie werden immer meine Fiffi Feger und meine ARCis bleiben und ich schätze mich unheimlich glücklich zumindest ein passiver Teil dieser tollen Truppe zu sein!

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